Viele der Kinoblumen, die in zehn Tagen im Wettbewerb mit viel Tamtam gezeigt wurden, dürften wenige Tage später verblüht und vergessen sein. Die wenigsten der knapp zwanzig Palmen-Kandidaten werden hierzulande je das Licht der Leinwand erblicken: Zu dornig, zu kleinwüchsig, zu viele dramaturgische Schädlinge. Einige Spitzengewächse waren auszumachen, etwa das einheimische Klosterdrama „Of God and Men“ von Xavier Beauvois. In auffallend ruhigen Bildern erzählt er, nach einer wahren Geschichte, vom Leben von Zisterzienser-Mönchen in Algerien, die mit der muslimischen Gemeinde im Atlasgebirge im Einklang leben. Nach einem Massaker islamistischer Extremisten stellt sich 1996 für die Mönche die Frage, zu bleiben oder zu gehen. Ihre Loyalität mit dem Dorf werden sieben von ihnen mit dem Leben bezahlen. Fast meditativ schildert der Film das Klosterleben: lange Einstellungen, knorrige Gesichter, all das untermalt von eindrucksvollen Choral-Gesängen. Eine willkommene Entschleunigung inmitten der Festivalhektik und die allerbesten Chancen auf Gold. Wie bei diesen Mönchen war in Cannes oft zu erleben, wie Stehaufmännchen gegen das Schicksal rebellieren. Vielfach verzweifelt, oft vergebens. Im ukrainischen Beitrag „My Joy“, einer deutschen Koproduktion, kommt ein idealistischer LKW-Fahrer vom Weg ab und endet in einem Dorf, wo hinter dem abgeblätterten Lack der Zivilisation die pure Barbarei zutage tritt. Das kafkaeske Drama beginnt atemberaubend, verstrickt sich dann in allzu verworrenen Handlungssträngen, die das Publikum ratlos ließen. Für einen Spezialpreis dürfte die bittere Parabel allemal gut sein, schon weil sie an Cannes-Liebling Michael Haneke erinnert. In „Fair Game“, dem einzigen Wettbewerbsbeitrag aus Amerika, kämpft ein Ex-Botschafter als David gegen den Goliath US-Regierung. Der Insider entlarvt mit einem Zeitungsartikel die Begründung für den Irak-Krieg als Lüge. Aus Rache wird seine Ehefrau öffentlich als CIA-Agentin bloßgestellt.
Gleichfalls von den Folgen des Irak-Kriegs handelt „Route Irish“ von Ken Loach, der in letzter Minute ins Programm kam. Ein Söldner hat in Bagdad seinen besten Freund verloren, zurück in Liverpool macht er sich auf Spurensuche. Ein Handy-Video zeigt die Ursache des Anschlags, bei seinen Ermittlungen gerät der Held immer mehr ins Fadenkreuz. Viel Neues hat Altmeister Loach zum Thema kaum zu bieten, sein sperriger Hauptdarsteller macht Mitgefühl schwer. Die italienische Stehaufmännchen-Variante fällt landestypisch quirliger aus. In „La Nostra Vita“ verliert ein Ehemann zwar seine Frau bei der Geburt des dritten Kindes. Doch Freunde und Familie helfen gemeinsam über die Krise hinweg – Tristesse trifft „dolce vita“. Hauptdarsteller Elio Germano hat dank seiner fröhlichen Art immerhin Außenseiter-Chancen bei diesem düsteren Festival. Als Favorit gilt Javier Bardem als todkranker Gutmensch im mexikanischen „Biutiful“, noch so ein Drama über den Don Quichotte-Kampf gegen die Windmühlen des Schicksals. Ähnliches Leid durchlebt die großartige Lesley Manville als alkohol- und liebeskranker Single im Festivalliebling „Another Year“ von Mike Leigh. Wenn am Sonntagabend die Preise vergeben werden, dürfte sicher sein: Keine Palme ohne Dornen. Ein Gewinner steht bereits fest: „Picco“, das radikale Gefängnisdrama des 27jährigen Philip Koch über Folter und Misshandlungen in einer JVA, polarisierte das Festival wie keine anderer. Gut 50 Besucher verließen mit lautstarkem Protest den Saal, einige saßen danach weinend vor der Tür. Die rigorose Darstellung der Brutalität geht an die Nieren, verkommt jedoch nie zum voyeuristischen Selbstzweck. Stets schimmert durch, dass hinter der großmäuligen Macho-Fassade mit homophoben Sprüchen ganz arme Würstchen ohne jedes Selbstbewusstsein stecken. Am Ende stellt sich auch für den Zuschauer die Frage: Wie würde er sich verhalten? Wo liegt das Ende von Zivilcourage? Das deutsche Stehaufmännchen – es endet als sadistischer Mörder. ( Dieter Oßwald ) |













