Ich muss noch einmal einen Satz aus dem Kontext reißen.

Ja, nur zur.

Vielleicht auch deshalb, weil er aus dem Buch „Herzog on Herzog“ stammt, dem große Glaubwürdigkeit beigemessen wird. Da haben Sie gesagt: „Ich habe immer noch ein Problem damit, meine Arbeit als wirklichen Beruf zu sehen.“ Ist das immer noch so?

Richtig, immer noch so. Ich habe noch nie eine wirkliche Profession gehabt. Was ich habe ist ein Leben, ein wilder Slalom, den ich mit 180 Sachen den Berg herunterrase. Wieso ich noch nicht gegen eine Betonwand gekracht bin, ist mir ein völliges Rätsel.

Wie exzentrisch stufen Sie sich selbst ein?

Überhaupt nicht. Ich kann es am besten auf Englisch sagen: „I am the only one clinically sane“. Man redet ja oft von klinischem Wahnsinn, deshalb halte ich mich gerne für den einzigen klinisch Gesunden.

Wieso sagt man Ihnen diese Exzentrik dann so oft nach?

Ach, das ist einer der Doppelgänger, die sich so in den Medien ergeben haben, weil man angefangen hat, von den Figuren, die in meinen Filmen wichtige Rollen spielen, auf mich Rückschlüsse zu ziehen. Wenn ich jemanden zeige, der dem Wahnsinn verfällt, heißt es dann immer gleich: Jetzt ist der Herzog durchgedreht. Es gibt auch nicht nur diesen Doppelgänger, es gibt noch fünf, sechs andere Versionen. Ich habe mich mit ihnen abgefunden - nicht dass ich mich unbedingt mit ihnen befreundet habe - aber sie sind wie eine Art Schutzschild.

Sind Sie gerne bekannt? Sie sind ja inzwischen so etwas wie ein Regie-Star.

Nein, ich will lediglich das Beste und Erstaunlichste für ein Publikum auf die Leinwand bringen. Das ist alles. Mir wäre wohler dabei, wenn ich anonym sein könnte, das ist nur heute bei der Sensibilität und Verbreitung der Medien nicht mehr möglich. Ich kann nicht wie der Meister des Kölner Altars sein, von dem man nur weiß, dass er um 1450 dieses Triptychon gemalt hat. Das geht beim Filmemachen nicht, weil zu viele Leute damit verbunden sind. Innerhalb von fünf Minuten haben sie den ersten, der mit seinem Mobiltelefon ein Foto macht und nachweist, wer an Ort und Stelle war.

Dafür, dass Sie am liebsten anonym bleiben möchten, setzen Sie sich bei einigen Ihrer Dokumentationen aber ganz schön in den Vordergrund. Man denke nur an „Grizzly Man“ oder „Begegnungen am Ende der Welt“, in denen Sie als Erzählerstimme quasi permanent von Ihrer Gedankenwelt erzählen. Da zeigen Sie als Regisseur doch ein Maximum an Präsenz!

Nicht als Regisseur, sondern als Erzähler. Dabei ist aber völlig gleichgültig, ob das jetzt ich bin oder sonst jemand. Ich weiß nur, dass ich sprachlich mehr kann als professionelle Darsteller. Die sind zu geschult, zu geleckt, da fehlt es an Glaubwürdigkeit und Authentizität. Ein Publikum, das heutzutage mit so vielen virtuellen Welten, so vielen digitalen Effekten und so vielen manipulierten Dingen konfrontiert wird, sieht gerne etwas, wo sie ihren Augen wieder trauen können.

Anfangs hatten wir doch darüber geredet, dass jeder mit Ihnen drehen möchte.

Ja, alle.

In „My Son, My Son What Have You Done“, Ihrem zweiten Film, der parallel zu „Bad Lieutenant“ in Venedig seine Weltpremiere feierte, versammeln Sie eine absurde Mischung an Schauspielern. Wie passen Chloe Sevigny, Michael Shannon und Udo Kier zusammen?

Ich wollte einen günstigen Film mit den besten Schauspielern machen, die wir haben. Nicht mit den ganz großen Stars, die fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar kosten, sondern mit Leuten, die wirklich gut sind. Der Film sollte nicht mehr als 2 Millionen Dollar kosten, es war fast wie ein Manifest. Wenn heute Produktionen 180 Millionen Dollar kosten und dann eine Bauchlandung hinsetzen, ist das katastrophal. Dem wollte ich ein Statement entgegensetzen. Und jetzt schauen Sie an, wie gut die Schauspieler in dieser kleinen Geschichte funktionieren: Michael Shannon, Chloe Sevigny, Willem Dafoe und Udo Kier: alle große Klasse.

In Deutschland hat Letzterer aber inzwischen eher den Beigeschmack eines B-Schauspielers.

Aber ich nehme ihn ernst und auf einmal ist der Mann jemand mit absoluter Statur. Schauen Sie sich den Film an und schauen Sie sich an, wie gut er ist! Und schauen Sie sich an wie gut die anderen Schauspieler sind. Und in gewisser Weise ist das genau die Sache, die ich an meiner Position in Amerika so gerne mag. Weil eigentlich die Besten von den Schauspielern aber auch die großen Stars mit mir arbeiten würden.

Wieso präsentiert David Lynch Ihren Film?

Ich redete anfangs mit ihm über dieses Projekt. Ich sagte: „Wir sollten etwas machen mit den Besten von den Besten, mit ganz großartigen Stories – fast wie ein Manifest.“ Und er sagte: „Ja, das müssen wir machen.“ Und er fragte mich nebenbei: „Hast du den Projekt?“ Und ich sagte: „Freilich habe ich eines.“ Und er fragte: „Wann kannst du anfangen?“ Und ich sage: „Morgen, wenn es sein muss.“ Ich fing kurze Zeit später an, und davon war er so begeistert, dass er den Film jetzt präsentiert. Sonst hat er eigentlich nichts damit zu tun.

Auch wenn Sie Ihre Leistungen persönlich nicht als Karriere bezeichnen: sind Sie trotzdem manchmal stolz auf das, was Sie erreicht haben?

Doch, dieses Gefühl gibt es bei mir auch. Aber nur dann, wenn die Elemente richtig zusammenpassen. Zum Beispiel in „Bad Lieutenant“, ja. Ein großartiger Schauspieler, eine richtig gute Geschichte, der richtige Schauplatz, ein schwärzester Humor, schnell und leicht inszeniert. Aber dieses Gefühl von Stolz stellt sich erst dann ein, wenn ich merke, dass der Film auch beim Publikum Anklang findet.



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