CineZone: Herr Herzog, Sie haben vor dreißig Jahren einmal gesagt: Ich versuche zu forschen und zu suchen, wer wir eigentlich als Menschen sind. Werner Herzog: Solche isolierten Statements fassen Sie besser nur mit Kneifzangen an. Wenn Sie es so sagen, klingt es prätentiös, aber im Gesamtzusammenhang von dem, was ich mache, mag das schon stimmen. Film und Literatur haben schon immer versucht, unsere Conditio Humana dazustellen, in den Griff zu bekommen und irgendwie auch zu beschreiben. Insofern ist das nichts Exotisches und eigentlich das Allernatürlichste, was Sie vom Kino – unter anderem – verlangen können. Was haben Sie denn im Falle von „Bad Lieutenant“ dazugelernt? Ich habe in vieler Hinsicht völliges Neuland betreten: Der Drehort in New Orleans, die Arbeit mit Nicolas Cage, die Darstellung von wilden Drogenphantasien. Ich zeige einer Welt von Demenz, die mir völlig unvertraut ist, weil ich nie Drogen genommen habe. Nicht, weil ich besonders moralistisch darauf reagieren würde, sondern weil mich immer die Kultur abgestoßen hat, die Drogen umgab. Nicolas Cage spielt den abhängigen Cop mit erstaunlicher Tiefe. Fast möchte man sagen: er zeigt nach „Leaving Las Vegas“ endlich mal wieder, dass er Schauspielen kann. Er musste für den Film bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gehen - was übrigens eine überraschend einfache Arbeit war. Wir beide haben gut zusammen funktioniert. Das merkt man an jeder Sekunde des Films. Es ist auffallend, dass wirklich jeder Schauspieler von Gewicht gerne mit Ihnen drehen würde... Alle, alle wollen sie das. Oder man sagt nach der Arbeit mit Ihnen, es sei ein unglaubliches Erlebnis gewesen. Wieso ist das so? Das ist Teil meiner beruflichen Aufgabe. Wenn ich es nicht in mir hätte, das Beste aus den Schauspielern herauszuholen, wäre ich fehl am Platz. Egal ob das jetzt Nicolas Cage, Christian Bale, Klaus Kinski, Donald Sutherland oder Claudia Cardinale ist, das spielt keine Rolle. Wenn Sie das nicht in sich haben, fangen Sie besser gar nicht an, Filme zu machen. Aber was machen Sie besser als all die anderen Regisseure? Ist es die Ruhe, sich von nichts erschüttern zu lassen? Diese Vermutung drängt sich zumindest auf, wenn man Sie in „Mein liebster Feind Klaus Kinski“ mit Gelassenheit auf die hasserfüllten Ausbrüche Ihrs Hauptdarstellers reagieren sieht, oder wenn Sie in der Dokumentation „La Soufrière“ das Scheitern Ihrer eigentlichen Mission kurzerhand zum neuen Thema des Films machen. Ich kann es nicht so bezeichnen, wie Sie das formulieren. Es fühlt sich eher an wie eine Operation am offenen Herzen: im Operationssaal herrscht eine einzige professionelle Konzentration auf den Herzmuskel, der lebenswichtig ist und der alles entscheidet. Gesprochen wird nur im Flüsterton, mit dem Instrumentarium wird mit sehr hoher Geschwindigkeit gehandhabt, allerdings nur mit den Bewegungen, die notwendig sind. Ein guter Chirurge braucht aber auch ein Verständnis für die entscheidenden Organe, die uns am Leben erhalten. Als Regisseur wäre das dann ein Gespür für das, was ein Schauspieler auf der Leinwand letztlich für ein Publikum herüberzubringen hat. |












