„60 Jahre und kein bisschen leise“, so lautet die Bilanz der Geburtstags-Berlinale. Fast schon traditionell wollte auch zum Geburtstag das große Star-Feuerwerk wieder nicht recht zünden. Dem Publikum war’s egal: Als Besucher-Festival bleibt Berlin unschlagbar.

„Little Dieter needs to fly“ betitelte Jury-Präsident Werner Herzog einst einen seiner Filme - es könnte auch Motto für den Berlinale-Direktor Dieter Kosslick sein. Denn beim Starzwang herrschte trotz Jubiläum auffallend Sparzwang, der Hofknicks vor Hollywood brachte nicht ausreichend Glamour-Quote auf dem roten Teppich. Gewiss, Leonardo DiCaprio und Pierce Brosnan gaben sich die Ehre. Die wären freilich auch ganz ohne Festival eingeflogen, um die Werbetrommel für ihre aktuellen Filme zu rühren, so wie für kommende Woche Matt Damon oder Harrison Ford angekündigt sind.

Bären-Dompteur Kosslick kann noch so viele Kunststücke ausführen, die Traumfabrik setzt voll und ganz auf den Oscar und schickt seine Stars lieber zum wohltemperierten Werbe-Lunch mit dem Academy-Award-Wahlvolk als ins frostig winterliche Berlin. Nicht nur die Glamour-Liga bricht Kosslick weg, auch bei den Independent-Filmen herrscht Flaute. Für die Produzenten kreativer US-Kinoware ist die Heimspiel-Konkurrenz, Robert Redfords renommiertes Sundance Festival im Januar, inzwischen wichtiger als Berlin. Da muss auch der Festival-Platzhirsch aus Europa etwas Exklusivitäts-Federn lassen und die Schmach der zweiten Wahl hinnehmen.

Als Belohnung für diesen Kino-Kuhhandel bekam Berlin mit „The kids are alright“ eine leibhaftige Julianne Moore und, noch wichtiger, einen wahren Publikumsliebling, bei dem endlich einmal gelacht werden durfte. In dieser luftig lustigen Lesbenkomödie gibt die Moore mit Annette Benning ein Paar, dessen beide Kinder sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater machen. Der anonyme Samenspender von einst entpuppt sich als wahrer Charmebolzen, dem die gesamte Familie erliegt – ebenso wie das Festival. Neben viel Applaus gab’s dafür den „Teddy Award“, den schwulen Kumpel des „Bären“, der seit 1987 vergeben wird. Berlinale-Pflanzen wie diese bescheren dem Festival Imagegewinn und Popularität gleichermaßen.

Ähnlich verhält es sich mit Eigengewächsen wie dem „Kulinarischen Kino“ oder „Kino im Kiez“, das erstmals den roten Teppich in den Randbezirken ausrollte und dem Festival zu neuem Besucherrekord von über 300.000 verkauften Karten verhalf. Euphorie auch auf dem Filmmarkt, „Die Leute sind da, das Angebot ist groß, die Kinos sind voll, die Stimmung ist toll“ meldet Markt-Chefin Beki Probst stolz. Wo war eigentlich die Krise? Als hätten sich alle heimlich verschworen, schien das Thema wie unter den dicken Eisplatten der Berliner Gehwege verschwunden. Da feierte das Medienboard Berlin-Brandenburg im luxuriösen Ritz Carlton stolz seine 13 Oscarnominierungen für Filme, die es gefördert hat.

Derweil im Wettbewerb die Krisen stets zwischenmenschlicher Natur waren, viel finsterer Familienkram und noch mehr Männer-Versager. Die Jury gab sich prompt als Männer-Versteher und überschüttete den russischen Beitrag „Wie ich diesen Sommer zu Ende brachte“ mit einer wahren Preisflut. Das Kammerspiel um zwei ungleiche Forscher in einer einsamen Wetterstation in der Arktis bekam Silber für die Kameraführung (Pavel Kostomarov) sowie einen Doppel-Bären für die beiden Schauspieler (Grigori Dobrygin und Sergej Puskepalis).

Bei den Damen gewann die Japanerin Shinobu Terajima, die sich in „Raupe“ als Männer-Opfer gegen ihren sadistischen Gatten wehren muss, der selbst ohne Arme und Beine zum miesen Macho mutiert. Gold schließlich für den türkischen „Honig“ von Semih Kaplanoglu, ein versöhnliches Vater-Sohn-Drama aus einem Bergdorf in Anatolien, das ganz poetisch die Welt aus staunenden Kinderaugen schildert.

Zum großen Jubel bot das Jubiläum keinen Anlass, ein schlechter Jahrgang war es dennoch nicht. Dass die drei deutschen Beiträge, sonst gerne preisverwöhnt, diesmal ohne Bären blieben - geschenkt. Dem Erfolgskurs des heimischen Kinos wird es kaum schaden. Dass die Promi-Dichte denkbar gering war - auch egal. Wer braucht schon VIPs als Geburtstagsgäste, wenn ihm das Kinovolk so treu die Berlinale-Bude einrennt?


 
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