CineZone: Herr Reitemeier, was macht ein deutscher Kameramann in China? Haben Zhang Yimou oder Wong Kar-Wai dort nicht selbst die besten Bilderzauberer der Welt hervorgebracht? Lutz Reitemeier: Im Unterschied zu diesen sehr teuren Filmen ist unser Projekt eine independent-Produktion. Unser Regisseur hat nichts mit der kommunistischen Partei zu tun, was man von Yimou leider nicht mehr behaupten kann. Während Zhang nur noch staatstragende Technofilme mit schönen Bildern dreht, gibt es eine ganze Garde von Regisseuren, die sich auch mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Warum fiel die Wahl des Kameramanns gerade auf Sie? Neben dem geforderten Handwerk verfüge ich über reichlich Erfahrung mit der Handkamera, eine Ästhetik, die in China noch nicht sehr verbreitet ist, worauf der Regisseur aber großen Wert legte. Zugleich habe ich eine gewisse Distanz, einen westlichen Blick, der einen guten Kontrast zum kreativen Schaffen des Regisseurs bietet. Wie gut sind Ihre chinesischen Sprachkenntnisse? Wenn chinesisch gesprochen wird, verstehe ich nur Bahnhof. Das kann allerdings durchaus ein Vorteil sein, in den oft minutenlangen Übersetzungsphasen kann man sich nochmals konzentrieren. Nach meinem Eindruck wird in deutschen Produktionen oft zu viel diskutiert. Für Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ist „Tuan Yuan“ der „perfekte Beitrag zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit“: Ein Paar wird aus politischen Gründen getrennt und findet sich Jahrzehnte später wieder – wie sehen Sie das? Beim Drehen kamen mir diese Gedanken manchmal auch. Allerdings gibt es schon Unterschiede, allein wenn man die Größenunterschiede zwischen dem kleinen Taiwan mit einer parlamentarischen Demokratie und freien Medien und dem gegenteiligen riesigen China denkt. Wie heikel ist das Thema Taiwan in China?
Welche Bedeutung hat die Berlinale für einen chinesischen Film? Wurde Wang Quanan nach dem Goldenen Bären für „Tuyas Hochzeit“ als Volksheld gefeiert? Natürlich war der Bär eine großartige Sache, die Reaktion der chinesischen Medien war aber eher zurückhaltend. Wäre es dort um einen historischen Stoff gegangen, hätte es sicher mehr Jubel gegeben als für einen Film, der von Minderheiten handelt. Umgekehrt wurde Wang Quanan voriges Jahr als „Botschafter des chinesischen Films im Ausland“ ausgezeichnet, was durchaus ein Signal ist für einen Regisseur, der kritische Themen bis zu einem gewissen Grad nicht scheut. Wie groß ist der Einfluss der Zensur, gibt es Aufpasser am Drehort? Beim Drehen hat man völlige Freiheit, da gibt es keine staatlichen Aufpasser. Das Nadelöhr kommt erst, wenn man mit dem Film richtig in die Öffentlichkeit oder vor allem ins Ausland möchte. Da wird dann kontrolliert und von den Behörden die politische Lackmusprobe gemacht. Unterhält man sich am Set über das Thema Zensur? Nein, in China redet man gegenüber Ausländern ungern über die eigenen Schwächen des Systems. Zum einen entspricht das der dortigen Mentalität, zugleich spüren die Menschen die wirtschaftlichen Erfolge im Land. Für Intellektuelle gibt es zwar Verbesserungsbedarf, aber das System wird nicht generell in Frage gestellt. Kritik wird vor allem am schnellen Tempo der Veränderungen geübt. Wie werden Filme in China finanziert? Unser Film ist privat finanziert, wie die meisten Filme in China. Das Geld kommt von Leuten aus der Immobilienbranche oder von Industriellen. Seit der Öffnung zur Privatwirtschaft vor 30 Jahren gibt es viele Millionäre und etliche betätigen sich als Mäzene. Wobei sich die meisten Sponsoren ganz vornehm im Hintergrund halten und nie am Drehort zu sehen sein. Sind die drei Hauptdarsteller in „Tuan Yuan“ Stars in ihrer Heimat? Die weibliche Hauptdarstellerin ist Ende der 40er Jahre geflüchtet und lebt in Los Angeles. Ihre Rückkehr nach Shanghai nach so langer Zeit erinnert ein wenig an den Film selbst. Ihr Verehrer ist taiwanesischer Schauspieler und ist nicht nur in seiner Heimat ziemlich bekannt, sondern wurde auch auf den Straßen von Shanghai erkannt. Wie hierarchisch geht es in China beim Drehen zu? Zum einen ist die Hierarchie größer, dem Regisseur und dem Kameramann wird stets respektvoll der Stuhl hingerückt – schließlich gilt Kino in China schon immer als große Kunst. Zum anderen herrscht aber auch noch dieses sozialistische Kollektiv-Denken: Zum Beispiel spricht der Regisseur immer nur im Plural, das „wir“ darf in keiner Ansprache fehlen. Standen beim Dreh bisweilen Hunde auf dem Speisezettel? Hunde werden lediglich in bestimmten Regionen gegessen. Das ist ein Klischee, von dem man sich langsam verabschieden sollte. Wir haben es als Deutsche ja auch nicht gern, wenn wir ständig nur auf Hitler reduziert werden. Können die Chinesen Ihren Namen mit dem „R“ überhaupt aussprechen? Oder ist das auch nur ein Mythos? Auch die Geschichte mit dem „R“ ist längst ein Mythos, denn viele Chinesen sprechen inzwischen ja gut englisch. Reitemeier haben sie allerdings nie gesagt, die nannten mich nur „Lutze“… |


















