Der in Deutschland geborene, heute in Amerika lebende Komponist Hans Zimmer hat eine echte Gabe: er kann Filme mit Tönen zum Leben erwecken. Stellen Sie sich einmal den „König der Löwen“ ohne traditionell afrikanischen Klänge oder „Batman: The Dark Knight“ ohne seine düstere Soundkulisse vor. Und was wäre ein Film wie „Sherlock Holmes“, fehlte ihm die originelle, von Zimmer exotisch konzipierte Filmmusik? Sie alle wären verhältnismäßig eindimensional, unemotional und leer. Anlässlich seiner neuesten Komposition sprachen wir mit dem 52-Jährigen per Telefon über seine 25 Jahre andauernde Karriere, Kurzvisiten an Filmsets und wieso er sich zunehmend von der Realität entfernt.

CineZone: Herr Zimmer, was ist denn in Ihren Augen das Geheimrezept für einen guten Film?

Hans Zimmer: Regisseurin Penny Marshall hat einmal sehr treffend gesagt: „protegiere deinen Star“. Oder mit anderen Worten: lass deine Hauptfigur gut aussehen und sie nichts Dummes sagen oder anziehen. Vermeide Situationen, die nicht in Übereinstimmung mit der Rolle passieren. Solange du dich an diese Regeln hältst, kommt normalerweise eine brauchbare Geschichte heraus.

Muss Ihnen ein Film persönlich gefallen, um einen passenden Score dafür zu komponieren?

Natürlich muss ich den Film mögen. Wer arbeitet schon gerne für eine Sache, die er nicht leiden kann? Aber noch viel wichtiger ist, dass ich die Leute schätze, die an dem Projekt beteiligt sind. Es ist ein sehr gemeinschaftlicher Prozess und in den meisten Fällen ist es unter anderem der Regisseur, der mich während meiner Arbeit inspiriert.

Sie haben in Ihrer langjährigen Karriere mit unzähligen Regisseuren zusammengearbeitet. Gibt es einen, der Sie besonders beeindruckt hat?

Aber natürlich, da gibt es einige. Anfangen würde ich mit Jim Brooks („Besser gehts nicht“), Ridley Scott („Thelma und Louise“) und Ron Howard („Illuminati“). Auch Guy Ritchie steht ganz oben auf meiner Liste. Wir hatten wirklich viel Spaß und waren dabei auch noch sehr produktiv.

Was hat Sie beim Komponieren der Filmmusik zu Ritchies Detektiv Film „Sherlock Holmes“ inspiriert?

Ganz einfach: Sherlock Holmes ist im Wesentlichen ein manisch-depressiver Geigenspieler. Wir wissen schon aus den Büchern und den alten Filmen, dass Sherlock Holmes eine große Liebe zu diesem Instrument hatte. In meinen Augen sollte er aber keine lieblichen, klassischen Stücke spielen. Denn das, was sich in seinem Kopf abspielt, ist zu großer Wahrscheinlichkeit viel außergewöhnlicher und wilder, als wir uns das vorstellen können.

Die von Ihnen komponierten irischen Folksongs und die exotische Instrumentation wurde also hauptsächlich durch Robert Downey Jr.'s Charakter hervorgerufen?

Genau. Er ist sehr interessiert am Rest der Welt und an fremden Kulturen. Es wurde damals auch schon viel gereist. Sherlock hätte bestimmt eine für das viktorianische Zeitalter völlig untypische Musik gespielt, er war so ungestüm und wild. Daher hab ich zu Guy gesagt: wir müssen diese Exotik in den Film einbringen.

Halten Sie sich während eines Filmdrehs auch häufig am Set auf?

Auf jeden Fall. „Sherlock Holmes“ war eine tolle Gelegenheit, um mit Robert Downey abzuhängen und sich ein bisschen mit ihm zu unterhalten. Wir haben auch viel über seine Figur diskutiert, und weil er so viel darüber wusste, habe ich sein Wissen schamlos für meine Arbeit ausgenützt.

Fällt es Ihnen leichter, sich Musik auszudenken, wenn Sie die Fakten darüber gut kennen?

Es würde bestimmt helfen, aber ich kenne mich in vielem überhaupt nicht gut aus, daher ist es immer ein Kampf. Ich war nie auf einer Musikschule oder Universität, darum beginne ich mit jedem Film auch eine neue Bildungsreise. Aufgrund meiner Arbeit an „The Da Vinci Code – Sakrileg“ bekam ich beispielsweise die großartige Möglichkeit, ein Jahr lang Recherche zu betreiben, mir Bilder anzusehen und Bücher darüber zu lesen.

Ende der 70er haben Sie mit Werbe- und Radiojingles angefangen. In den frühen 80ern folgten erste Filmmusikkompositionen. Inzwischen haben Sie durch Ihre Musik über hundert Filme zum Leben erweckt. Welchen Einfluss hatten diese Werke im Gegenzug auf Ihre Person?

Auf einen gewisse Art werde ich selbst zu den Filmcharakteren. Als ich an dem depressiven Film „Der schmale Grat“ gearbeitet habe, war ich dementsprechend kein besonders angenehmer Zeitgenosse. Als Filmkomponist verweilt man für immer in der Traumwelt eines Films, fernab von der Realität. Man führt ein merkwürdiges Leben, sag ich Ihnen, und mein Verständnis für die Wirklichkeit ist denkbar schlecht.

Sie fühlen sich also, ähnlich wie die meisten Hollywoodschauspieler, in einer Welt des Scheins gefangen?

Absolut. Aber in meinem Fall hat es nicht nur mit Hollywood zu tun, ich bin ein Musiker und als solcher spiele ich. Ich mache Musik und gleichzeitig werde ich nie richtig erwachsen. Egal ob man das als gut oder schlecht bezeichnet, aber meine Arbeit steht mir manchmal selbst im Weg. Ich habe es zum Beispiel bis jetzt nicht gelernt, meine Finanzen zu ordnen.

Sie wurden in Frankfurt geboren, sind aber schon in junge Jahren nach England übersiedelt und später in die USA ausgewandert. Heute leben und arbeiten Sie in Santa Monica. Fehlt Ihnen die deutsche ehemalige Heimat manchmal?

Ich vermisse bestimmte Seiten dieses Landes, aber ganz besonders Europa im Allgemeinen. Ich umgebe mich gerne mit Kunst und sammle deutsche Gemälde aus den 20ern. Doch ein großer Teil von mir sehnt sich nach der Romantik eines Ortes, der eigentlich gar nicht existiert. Natürlich freue ich mich, immer wieder einmal Deutschland zurückzukehren, aber es ist nicht der gleiche Ort wie in meiner Vorstellung.

Welche Musik verkörpert in Ihrer Vorstellung das Ideal?

Duke Ellington hat in den 30ern einmal etwas sehr Zutreffendes gesagt: er gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Stilistisch bewege ich mich zwischen den White Stripes, Abba, Kraftwerk und an manchen Tagen einer großen Ladung Bach.

Wie oft hören Sie sich Ihre eigenen Werke an?

Niemals freiwillig. Wenn ich abends nach Hause komme, ist das letzte, was ich hören will, meine eigene Arbeit.



„Sherlock Holmes“:
„Wie würden Sie sich an meiner Stelle fühlen?“
Gespräch mit Robert Downey Jr.



„Sherlock Holmes“:
„Eindeutig die heterosexuellste Version des Films“
Gespräch mit Regisseur Guy Ritchie



Cine-Snap:
Wats'n das?


Cine-Snap:
Mit Zylinder und Starbuck-Kaffee


Sherlock Holmes

 
Home · News · Kino · DVD · Kontakt · Impressum