Er ist einer der erfolgreichste Regisseur der Republik. Auf der Berlinale holte Fatih Akin für „Gegen die Wand“ Gold, in Cannes räumte er mit seinem Migranten-Drama „Auf der anderen Seite“ ab und wurde zudem zum Oscar-Kandidaten gekürt. Auch in Venedig bekam der Regisseur wieder viel Beifall für seine jüngste Komödie „Soul Kitchen“, ein Heimatfilm über den Hamburger Kiez. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald. 

CineZone: Herr Akin, machen die Festivalerfolge von Berlin, Cannes und Venedig die Arbeit für Sie leichter?

Fatih Akin: Nein, je höher der Anspruch wächst und je mehr man lernt, desto genauer und präziser möchte man sein – das lässt einen schnell unzufrieden werden, weil einem die Arbeit nicht mehr gut genug erscheint. Die Leute um mich herum bekommen meine Unzufriedenheit dann ab, das ist ganz grässlich (lacht). 

Mit 27 Preisen und Auszeichnungen könnte man eigentlich zufrieden sein?

Preise stehen im Büro als Staubfänger, sie beeindrucken Besucher und pusten bisweilen das Ego auf, aber Ideen bekommt man dadurch leider nicht. Auszeichnungen helfen bei der Finanzierung für neue Projekte, aber sie sind kein Computerprogramm, das Drehbücher von selber schreibt. Es gilt also auch hier: nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Bei „Gegen die Wand“ sagten Sie, das wäre „ein Pickel, den ich ausdrücken musste“ – sind die Pickel-Zeiten inzwischen vorbei?

Die Pickel entwickeln sich langsam zu Geschwüren, die man operieren müsste (lacht). Bei „Gegen die Wand“ konnte ich damals noch in ein Café sitzen und dort am Drehbuch schreiben, die Zeiten sind inzwischen vorbei. Wenn ich heute im Café sitze, werde ich ständig angequatscht und angestarrt, da kann man sich nicht mehr konzentrieren.

Wenn nicht mehr im Café, wie sieht das Schreiben bei Ihnen aus?

Ich sammele ständig Ideen und Einfälle in Notizbüchern oder schreibe mir Sachen zur Not auch auf die Hand. Irgendwann hat man die gesammelten Sachen auf dem Schreibtisch liegen, dann beginnt man mit dem Zusammenstricken. Diese Phase muss schon diszipliniert ablaufen, weil sonst einfach nichts entsteht.

Wie leicht ist lustig?

Um mich herum hatte ich nur Kritiker. Mein Team hat ständig angezweifelt, ob das alles überhaupt lustig ist. Sprüche wie „das ist doch nicht witzig“ haben mich ganz schön aus der Bahn geworfen gebracht. Schließlich habe ich bei Wikipedia nachgesehen, was dort unter „Komödie“ steht: „Komödie ist ein Drama mit positivem Ausgang, der Humor entsteht dadurch, dass der Zuschauer über das Leid des Helden lacht“ – da war ich beruhigt, das habe ich ja alles. Laut Wikipedia bin ich also 100 Prozent im Komödienbereich (lacht).

Wie merkt man, ob der Comedy-Kuchen gelungen ist?

Beim Drama spürt man schon am Set, ob etwas funktioniert. Eine Komödie hingegen ist von vielen Faktoren abhängig, vor allem vom Schnitt. Eine Komödie lebt so stark von der Präzision des Timings, dass man das beim Drehen noch gar nicht beurteilen kann. Oft war es so, dass jene Szenen, über die wir am Set am meisten gelacht hatten, im Ergebnis am wenigsten lustig waren.

Verlassen Sie sich beim Schnitt auf Ihr Bauchgefühl oder setzen Sie auf Testvorstellungen à la Hollywood?

Bei Komödien kommt man um Testvorstellungen nicht umhin. Mit so einem Film will ich in erster Linie mit Humor unterhalten – auch um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann. Ob das im Kino funktioniert, kann man nur durch ein Testpublikum erfahren. Nach dessen Reaktionen habe ich dann auch immer wieder etwas verändert. Das hat so lange gedauert, dass wir tatsächlich nicht mehr rechzeitig zu Cannes fertig geworden sind.

Monica Bleibtreu spielt hier ihre letzte Rolle. Bei der Beerdigung ihrer Filmfigur kommt es zum makabren Eklat – Haben Sie überlegt, diese Szene nach dem Tod der Schauspielerin wegzulassen?

Ich mit Gläserrücken beim Geist von Monica um Erlaubnis gefragt. Sie sagte: „Ich wäre echt böse, wenn du die Szene streichst!“ Nein, das tat ich natürlich nicht. Aber so schätzte ich Monica ein. Ich kannte sie ja gut. Ich habe auch Moritz, ihren Sohn gefragt. Und er meinte: „Lass es drin!“.

Es gibt nicht viele deutsche Komödien, die vor internationalem Publikum bestehen – woran liegt der Erfolg von „Soul Kitchen“?

Das Land hat sich verändert, vor allem seit der Wende: Deutschland ist vielfältiger geworden, es gibt mehr Einwanderer. Es ist auch viel jüdischer geworden, was es dann gleich humorvoller macht. 

Wie sieht Ihr Konzept von komisch aus?

Ich kann mich nur an Sachen orientieren, die ich selber lustig finde. Ich lache über vieles nicht, worüber sich Millionen von Leuten amüsieren. Ich lache über die Coen-Brüder oder Jim Jarmusch, auch Billy Wilder oder Charlie Chaplin habe ich auf DVD wieder sehr schätzen gelernt. Diese körperliche Komik finde ich ganz grandios. Diesen amerikanischen Humor versuche ich zu adaptieren und in ein deutsches Umfeld zu verpacken. Das ist ein Remix wie beim HipHop. . 

Wir sehr wird der Erwartungsdruck für Sie zum Problem?

Erwartungsdruck ist Berufsrisiko, so wie Lampenfieber. Beim Fußball ist es ähnlich: Wenn man die Champions League erst einmal erreicht hat, will man dort auch bleiben. Zum einen ist das ganz materiell, in unserer Produktionsfirma arbeiten Leute, die ich bezahlen können will. Zum anderen ist es künstlerisch, man will seine Reputation nicht zerstören will. „Soul Kitchen“ war ein Risiko – aber das ist mir lieber, als „Gegen die Wand, Teil 2“ zu machen. Regisseure, die immer nur ihre Erfolge wiederholen wollen, finde ich langweilig.  

Sie bezeichnen „Soul Kitchen” als „Heimatfilm” – wie passt in diese Multikulti-Heimat zur „Kopftuchmädchen“-Debatte, die Thilo Sarrazin neu angestoßen hat?

Reaktionäre Kräfte gibt es überall, in jeder Heimat. Leute wie Sarrazin sollte man ignorieren und nur ihre Haltung ernst nehmen, die tendenziell in Richtung Faschismus geht. 

Der Film startete am 25.12. – ist „Soul Kitchen“ ein Weihnachtsfilm?

Auf jeden Fall. Am Ende gibt es schließlich Geschenke, einen Weihnachtsbaum und diesen Song „The Creator Has a Master Plan“ von Louis Armstrong – dieses Lied kommt in den Weihnachts-Charts gleich hinter „Oh Tannenbaum“.



„Soul Kitchen“:
„Clevere Komödien sind Mangelware“
Interview mit Moritz Bleibtreu



Soul Kitchen

 
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