| Am Ende ist John Dillinger (Johnny Depp) wirklich tot. Im Film wie in der Wirklichkeit. Der Meister-Bankräuber seiner Zeit wurde im Sommer 1934 nach einem Kinobesuch vom Texas Ranger Charles Winstead (Stephen Lang) erschossen. Er hatte das Zeug zum Helden. In der großen Depression der 30er Jahre raubte er die Banken aus, die zum Ruin der Wirtschaft und zum Verlust der hart erarbeiteten Ersparnisse der Bevölkerung führten. Das brachte ihm Ruhm und Anerkennung ein. Die Medien stürzten sich auf den eleganten, charismatischen Verbrecher. Er war ein Phänomen, das gleichsam die staatliche Gewalt düpierte, was diese sich natürlich nicht gefallen lassen konnte und wollte. Und als Reaktion das Sonderermittlungsbüro, Bureau of Investigation, gründete. Später wurde daraus das Federal Bureau of Investigation. „Public Enemies“ ist somit auch die Gründungsgeschichte des FBI. Bryan Burroughs Abriss „Public Enemies: America’s Greatest Crime Wave And The Birth Of The FBI, 1933 – 1934“ war grobe Vorlage des Films. J. Edgar Hoover (Billy Crudup) wurde damals zum Leiter des FBI ernannt. Seine Hauptaufgabe: „Staatsfeind“ Dillinger auszuschalten. „Gesucht John Dillinger – tot oder tot“. Mit diesem Slogan hören sich die FBI-Agenten, angeführt von Chefermittler Agent Melvin Purvis (Christian Bale), in der Szene um. Und so beginnt ein furioses Duell: Dillinger gegen Purvis, Mann gegen Mann. Michael Mann sozusagen. Niemand inszeniert diese Konstellation beeindruckender als der Meister selbst. In „Heat“, „Collateral“, „Insider“, immer war es dieses „Mann gegen Mann“, das der Regisseur in unglaubliche Höhen zu schießen vermochte. Immer waren es auch die erlesenen Schauspieler-Kombinationen, die diese „Mann gegen Mann“-Duelle aufs Formidabelste ausfochten. Auch in „Public Enemies“ besetzt Mann das „Mann gegen Mann“ hochkarätig. Dillinger wird von Johnny Depp verkörpert, und wem gelänge es besser, das spitzbübisch Liebenswerte mit eiskalter, mitleidsloser Gewalt zu kombinieren. Sein Gegenpart spielt Christian Bale. Ernst, angestrengt und zum Äußersten für seine Mission bereit. Ein Mann, der nur eins kennt: Dillinger zu schnappen. Die Leichtigkeit des Seins ist von diesem Cop Lichtjahre entfernt. Eigentlich eine ausgezeichnete Besetzung, meint man. Doch das Feuer zwischen den beiden Männern will einfach nicht zünden. Depp und Bale sind schlichtweg nicht auf gleicher Höhe, auf der ein Mann gegen Mann-Duell erst zur Hochform auflaufen könnte. Diese Höhe versagt ihnen die Geschichte, die Mann zusammen mit Ronan Bennett und Ann Biderman schrieb. Während Depp mit dem Glück der charismatischeren Figur agieren darf, bleibt für Bale nur ein gehetzter FBI-Schatten übrig. Die Motivation seines Charakters bleibt zu unklar, um als feste Größe gegen Depps Dillinger anzukommen. Bale, alias Purvis, darf nur eins: Depp, alias Dillinger, jagen. Dass er dabei zwangsläufig die schlechtere Figur abgeben muss, liegt auf der Hand der schillernden Figur Dillingers. Genauso ergeht es der Liebesgeschichte zwischen Dillinger und Billie Frechette (Marion Cotillard). Auf der Oberfläche ist sie hübsch anzusehen, doch die Tiefen werden allenfalls beschrieben, nie wirklich ausgelotet. Zurück bleibt ein fader Hauch von Kitsch. Das ist „die Tragik“ dieses Michael Mann Films. Die Tragik, diesmal kein geniales Meisterwerk geschaffen zu haben. Aber das ist zu verkraften. Denn ein Mann ist Mann. Was der Meister der stilistischen Perfektion anpackt, wird nämlich nicht nur perfekt sondern meisterhaft. Und so stimmt das Zeitkolorit von „Public Enemies“ bis ins i-Tüpfelchen. Die 30er Jahre der „Gentleman-Gangster“ und „-Fahnder“ lässt Mann quasi vor unseren Augen wieder auferstehen. Die HD-Digital-Kamera von Dante Spinotti, der schon bei „The Insider“ mit in Manns Boot saß, erzeugt Bilder von prickelndem Doku-Gefühl. Da sind die grobe Körnigkeit und die perfekt ausgestrahlten Nachtszenen. Die Wackelkamera, die den Protagonisten hektisch folgt. Und die wildesten und schönsten Schießereien und Verfolgungsjagden zwischen Cops und Gangstern, die nur ein Michael Mann so hinbekommt. Alles aus einem perfekten Guss. 144 Filmminuten gibt es bei „Public Enemies“, zwar keine exzellenten, wie man sie bei einem Michael Mann erwartet hätte, dennoch 144 Minuten, die man weitaus weniger unterhaltsam hätte verbringen können. |













