Der Kommunismus werde sich bald leise winselnd verdrücken, orakelte einst Amerikas „Cap the Knife,“ Caspar Weinberger. Zwar basierte die Einschätzung des unter Ronald Reagan amtierenden Außenministers (1981 bis 1987) kaum auf konkreten Erkenntnissen (denn bekanntlich düpierte die Deadline selbst das Geheimdienst-Gewerbe), aber es ging von da an tatsächlich rasend schnell bergab mit Amerikas Lieblingsfeind und seinen Satteliten. Der „wissenschaftliche Marxismus“ befahl seinen Ungeist in kapitalistische Hände und trieb so die alte „Love Story“ vom Sozialdarwinismus zu neuer Blüte – siehe den durch Michael Moore aktualisierten Bericht zur Schieflage der (US)-Nation (ab 12.11.2009 im Kino).

Ähnlich dieser ideologieabhängigen Zeitenwende zeichnete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Bruch mit der herrschenden Ordnung ab; jener Epoche, der im Nachhinein gern nostalgische Kränze geflochten werden, die in Wirklichkeit aber längst der Agonie anheim gefallen war.

Österreichs derzeit renommiertestem Regisseur diente sie nun als historische Folie für ein äußerst subtiles Drama. Michael Haneke („Funny Games“, 1997; „Die Klavierspielerin“, 2001), der schon diverse Formen latenter oder offener Gewalt durchspielte, hat mit „Das weiße Band“ den wohl reifsten Film seiner bisher schon eindrucksvollen Karriere gedreht. Bei dem als „Eine deutsche Kindergeschichte“ untertitelten Werk offenbart der vielseitig Gebildete (Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft in Wien) eine überwältigende Gestaltungskraft. Gottlob sprach sich das rum; Cannes wedelte dem mittlerweile zur europäischen Spitzenklasse gehörenden Haneke mit der Goldenen Palme die letzten Hindernisse aus dem Weg. Und das ist gut so.

Sein Film verzichtet mit radikaler Konsequenz auf jenen Mix, der im Zuge anschwellender Kultur-Flatrate sogar höherwertige Produktionen erfasst hat: Wahnsinnsgeschichten - zusammengeklöppelt aus hoch auflösenden Wahnsinnsideen, Charakteren vom Reißbrett, hektischen Bild-Schnitten, „stimmungsvollem“ Soundteppich und/oder mindestens einem veritablen Star. Immerhin geht es um Angst und Schrecken; da muss es doch knacken.

Das österreichische Enfant terrible zeigt dem geneigten Publikum „die Perversion von Idealen, wenn diese in soziale Normen überführt werden“ - das Grauen schleicht sich hier allerdings durch die bürgerliche Hintertür ein. Michael Haneke inszenierte weitgehend auf gewaltfreier Oberfläche, er „versucht immer, die Imagination zu aktivieren.“ Das Unheil entzieht sich bei ihm dem direkten Einblick. Aber wenn vom „Herrn Vater“ die Rede ist, zitiert die Titel gebende Metapher unmissverständlich den Geist von gestern und in Verbindung mit eigentümlichen Vorkommnissen gleichermaßen dunkle Ahnungen dessen, was die nahe Zukunft bereithält.

So geräuschlos die Weltanschauung östlicher Prägung zu Grunde ging, so Furcht einflößend mündet Hanekes Menetekel über den Verlust kindlicher Unschuld im ersten Kreis der Hölle, der bis dato unvorstellbaren Periode kollektiver Entmenschlichung (zwischen 1914-1918). Nichts weniger verdeutlicht uns Hanekes meisterhaft angelegter Schwarz/Weiß-Kosmos: Repression gegenüber Kindern ist der beste Nährboden für nachwachsende Gewalt.

Die Handlung verlegte er in die norddeutsche Provinz um 1913, wo die Familien- und Dorfidylle den noch intakten Regeln des Barons (Ulrich Tukur) gehorcht. Doch die heile Welt aus Macht, Ohnmacht, Frömmelei und Autorität ist am Vorabend des Weltbrandes nur mehr krampfhaft gestützte Fassade, das zig Jahrhunderte währende Feudalsystem längst außerstande, sich in friedlicher Selbstbestimmung zu häuten.

Die ländliche Bevölkerung reagiert auf Kriegsgerüchte eher fatalistisch. Was hat sie schon zu verlieren? So implodiert nach dem Startschuss von Sarajevo das öffentliche Bewusstsein. Die Höllentour nimmt Fahrt auf, während sich der Pastor (Burghart Klaußner) noch immer als gestrenger Hirte der Gemeinde widmet und seine Kinder mit der „Schwarzen“ Pädagogik des weißen Bandes erzieht. Die geduckten Wesen üben zwar keinen offenen Widerstand, ihre kollektive Versteinerung gegenüber Autoritäten und die beklemmende Atmosphäre bei der Untersuchung strafwürdiger Delikte lässt jedoch Gefühlsabgründe vermuten.

Auch wenn das grandiose Sittengemälde in der wilhelminischen Ära verortet ist - Haneke will den Stoff beispielhaft verstanden wissen. „Alle Formen des Terrorismus entspringen derselben Quelle“, betont er. Die aber kann nicht von Phrasendreschern trockengelegt werden, da muss schon das ganze Volk ran. Alle – wir, die wir wandeln auf Gottes blutigen Pfaden...

„Das weiße Band“ erinnert in seiner traumhaft genauen Bildkomposition an den unvergessenen Ingmar Bergman. Es ist ein Meilenstein deutschsprachigen Kinos. Wann zuletzt sah man Reinigung durch Züchtigung so glaubhaft als vollendete Charakterdeformation auf der Leinwand? Wann zuletzt Kinder-Darsteller, die gleich im Dutzend überzeugen?

 
O-Titel: Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte
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Drama, Horror
Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien 2009
Ur-Aufführung D: 15.10.2009
DVD-Premiere D: 05.03.2010
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Länge: 144 min
FSK: ab 12
Regie: Michael Haneke
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Darsteller: Christian Friedel#~2#~, Ernst Jacobi#~2#~, Leonie Benesch#~2#~, Ulrich Tukur#~2#~, Fion Mutert#~2#~, Marisa Growaldt#~2#~, Steffi Kühnert#~2#~, Maria-Victoria Dragus#~2#~, Josef Bierbichler#~2#~, Theo Trebs#~2#~, Rainer Bock#~2#~, Roxane Duran#~2#~, Miljan Chatelain#~2#~, Eddy Grahl#~2#~, Branko Samarovski#~2#~, Birgit Minichmayr#~2#~, Aaron Denkel#~2#~, Kristina Kneppek#~2#~, Stephanie Amarell#~2#~, Bianca Mey#~2#~, Mika Ahrens#~2#~, Detlev Buck#~2#~, Johanna Busse#~2#~, Thibault Sérié#~2#~, Gabriela Maria Schmeide#~2#~, Klaus Manchen#~2#~, Kai-Peter Malina#~2#~, Anne-Kathrin Gummich#~2#~, Luzie Ahrens#~2#~, Gary Bestla#~2#~, Felix Boettcher#~2#~, Sophie Czech#~2#~, Paraschiva Dragus#~2#~, Selina Ewald#~2#~, Nora Gruler#~2#~, Tim Guderjahn#~2#~, Jonas Jennerjahn#~2#~, Gerrit Langentepe#~2#~, Lena Pankow#~2#~, Sebastian Pauli#~2#~, Franz Rewoldt#~2#~, Kevin Schmolinski#~2#~, Alexander Sedl#~2#~, Nino Seide#~2#~, Marvin Ray Spey#~2#~, Malin Steffen#~2#~, Paul Wolf#~2#~, Margarete Zimmermann#~2#~, Carmen-Maja Antoni#~2#~, Christian Klischat#~2#~, Hanus Polak Jr.#~2#~, Sara Schivazappa#~2#~, Rüdiger Hauffe#~2#~, Arndt Schwering-Sohnrey#~2#~, Florian Köhler#~2#~, Sebastian Lach#~2#~, Marcin Tyrol#~2#~, Sebastian Badurek#~2#~, Krzysztof Zarzecki#~2#~, Sebastian Pawlak#~2#~, Lilli Fichtner#~2#~, Amelie Litwin#~2#~, Paula Kalinski#~2#~, Matthias Linke#~2#~, Vladik Otaryan#~2#~, Peter Mörike#~2#~, Hans-Matthias Glassmann#~2#~, Nikita Vaganov#~2#~, Mercedes Jadea Diaz#~2#~