Ob der britische Regisseur Danny Boyle Millionär geworden ist, ist ungewiss. Gewiss ist dagegen, dass er bei den diesjährigen Oscar-Verleihungen kräftig absahnte. Acht Oscars bekam „Slumdog Millinär“ für den besten Film, Regie, Ton, Kamera, adaptiertes Drehbuch, Schnitt, Filmsong und Filmmusik. Zu Unrecht meinen die Kritiker. Und das sind viele, besonders im Ursprungsland der Geschichte, die auf dem Roman „Rupien! Rupien!“ von Vikas Swarup beruht. Simon Beaufoy schrieb das Drehbuch dazu. Bekannt wurde er mit seinem Drehbuch „Ganz oder gar nicht“ (1997).

Die Inder, unter ihnen Salman Rushdi (in der FAZ), werfen Boyle Klischees und Armutskitsch vor. Die Realität in indischen Slums habe nichts mit der fröhlichen Unbeschwertheit aus Boyles Film zu tun. Die Geschichte sei völlig unglaubwürdig, die Sendung „Wer wird Millionär“ (in Indien heißt sie: „Kaun Banega Crorepati“) werde überall auf der Welt aufgezeichnet und nicht, wie Boyle suggeriert, live ausgestrahlt. Als Boyle im Interview erklärte, er habe vor dem Dreh keine Ahnung von Indien gehabt, warf man ihm Neokolonialismus vor. Würde umgekehrt ein indischer Regisseur einen Film über New Yorker Obdachlose drehen, ohne einen blassen Schimmer vom Sujet zu haben, wäre die Aufregung groß.

So richtig die Vorwürfe sein mögen, so falsch sind sie gleichzeitig. Boyles Film erzählt die Geschichte des Slumkinds Jamal Malik. Jamal (Dev Patel) schafft es auf den Stuhl der Fernsehshow „Wer wird Millionär“. Er kennt die Antworten auf nahezu alle Fragen. Das glaubt ihm keiner und so wird der junge Mann des Betrugs bezichtigt und von der Polizei verhört und gefoltert. In Rückblicken zeigt der Film dann die horrende Lebensgeschichte des kleinen Jamal (Ayush Mahesh Khedeker) und erklärt dabei ganz nebenbei, wieso er die Antworten kannte.

Danny Boyles furioses Bilderfeuerwerk zeigt ein quirliges, lebensprühendes Indien. Sein unvoreingenommener Blick - wie schon erwähnt, war er nie zuvor in Indien - macht das möglich. Boyle, so sagt er selbst im Interview, war beeindruckt von der Lebendigkeit, die trotz der immensen Armut, im Land herrscht. Selbst in den elenden Slums von Mumbai, wo der Film spielt, habe ihn das Lebensbejahende umgehauen.

Dieses Gefühl sprudelt aus jeder Pore des Films. Anthony Dod Mantles Kamera bringt unglaubliche Farben, rasante Fahrten, Sprünge und Bilder zustande. Und die sind voll „Boyle“scher Drastigkeit. Ähnlich wie in seinem umwerfenden „Trainspotting“ (1996) führt auch hier unter anderem der Weg durch menschliche Exkremente. Doch in ihrer Transzendierung gehören diese Momente mit zu den schönsten des Films.

Hätte Boyle einen verzweifelten Film über das Elend der Slums gedreht, hätte der Vorwurf nahe gelegen, dass wieder einmal das Negative im Zenit stehe. Ähnliches gilt für afrikanische Filme. Da gibt es nur das Leid der Bevölkerung. Deshalb tun fröhliche Film, zum Beispiel „No Time to Die“ (2006) des Ghanaers King Ampaw, so wohl.

Boyle dramaturgische Detail-Änderungen zu Lasten der Realität vorzuwerfen, ist albern. Er dokumentiert ja nicht, er zeigt ein Märchen. Realistisch ist die ganze Geschichte sowieso nicht. Und last not least wäre es tatsächlich ein Hauptgewinn, wenn ein New York unkundiger indischer Regisseur einen frischen, vorurteilsfreien Blick auf New Yorker Obdachlose werfen würde. Zu beklagen wäre vielmehr, dass ein indischer Regisseur Probleme hätte, so einen Film überhaupt finanziert zu bekommen. Manchmal sollte man die heilige Kuh einfach im Dorf stehen lassen und einen großartigen Film großartig nennen.

Denn hier passt alles zusammen. Die Inszenierung, die wunderbaren Darsteller. Fast alle sind Laien. Die Kinderdarsteller: der unbeschwerte aufspielende Ayush Mahesh Khedeker und der aufgeweckte Azharuddin Mohammed Ismail als Jamals Bruder Salim, sowie die hinreißende Rubina Ali, als die kleine Latika, Jamals große Liebe, rekrutierte Boyle aus den Slums.

Als die stolzen Kids ihre coolen Posen vom roten Teppich in die Slums brachten, waren die Neider schon da. Azharuddins Nachbarn zum Beispiel wollten wissen, wo das viele Geld sei, wo die neue Wohnung? Der „Spiegel“ berichtet davon. Auch von Harshvardhan Nawathe, dem echten und bisher einzigen indischen „Wer wird Millionär“-Gewinner. Aber der kommt nicht aus den indischen Slums sondern aus der Mittelschicht. Und das ist eine andere Geschichte.


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http://www.slumdog-millionär.de (Offizielle Webpage, Deutschland)
http://www.slumdog-millionaer.de (Offizielle Webpage, Deutschland)
http://www.foxsearchlight.com/slumdogmill... (USA)
http://www.slumdogmillionaire-lefilm.com/ (Offizielle Webpage, USA)
http://slumdog.gyao.jp/ (Offizielle Webpage, Japan)
http://www.slumdogmillionairemovie.co.uk/ (Offizielle Webpage, Großbritannien)
„Slumdog Millionaire“ in der IMDb (USA, D)


 
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O-Titel: Slumdog Millionaire
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Drama, Komödie
Großbritannien, USA 2008
Ur-Aufführung D: 19.03.2009
DVD-Premiere D: 08.10.2009
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Länge: 120 min
FSK: ab 12
Regie: Danny Boyle, Loveleen Tandan
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Darsteller: Dev Patel#~2#~, Anil Kapoor#~2#~, Freida Pinto#~2#~, Madhur Mittal#~2#~, Mia Drake Inderbitzin#~2#~, Imran Hasnee#~2#~, Irrfan Khan#~2#~, Saurabh Shukla#~2#~, Rajendranath Zutshi#~2#~, Jeneva Talwar#~2#~, Azharuddin Mohammed Ismail#~2#~, Ayush Mahesh Khedekar#~2#~, Jira Banjara#~2#~, Sheikh Wali#~2#~, Mahesh Manjrekar#~2#~, Sanchita Choudhary#~2#~, Himanshu Tyagi#~2#~, Sharib Hashmi#~2#~, Virendra Chatterjee#~2#~, Feroze Khan#~2#~, Sunil Kumar Agrawal#~2#~, Virender Kumar#~2#~, Devesh Rawal#~2#~, Rubina Ali#~2#~, Ankur Vikal#~2#~, Tiger#~2#~, Chirag Parmar#~2#~, Nazneen Shaikh#~2#~, Farzana Ansari#~2#~, Anupam Shyam#~2#~, Salim Chaus#~2#~, Singh Shera Family#~2#~, Harvinder Kaur#~2#~, Narendra Singh Bhati#~2#~, Tanay Chheda#~2#~, Ashutosh Lobo Gajiwala#~2#~, Satya Mudgal#~2#~, Janet de Vigne#~2#~, William Relton#~2#~, David Gilliam#~2#~, Kinder Singh#~2#~, Christine Matovich Singh#~2#~, Thomas Lehmkuhl#~2#~, Siddesh Patil#~2#~, Najma Shaikh#~2#~, Saeeda Shaikh#~2#~, Alka Satpute#~2#~, Tabassum Khan#~2#~, Tanvi Ganesh Lonkar#~2#~, Sitaram Panchal#~2#~, Nigel Caesar#~2#~, Ajit Pandey#~2#~, Kedar Thapar#~2#~, Amit Leonard#~2#~, Rajesh Kumar#~2#~, Sagar Ghopalkar#~2#~, Pradeep Solanki#~2#~, Abdul Hamid Sheikh#~2#~, Dheeraj Waghela#~2#~, Arfi Lamba#~2#~, Taira Colah#~2#~, Varun Bagri#~2#~, Ankur Tewari#~2#~, Anjum Sharma#~2#~, Sarfaraz Khan#~2#~, Syed Fazal Hussain#~2#~, Umar Khan#~2#~, Homai Billimoria#~2#~, Udayan Baijal#~2#~, Sandeep Kaul#~2#~, Rufee Ahmed#~2#~, Rhea Lawyer#~2#~, Deepali Dalvi#~2#~, Anisha Nagar#~2#~, Farrah Shaikh#~2#~, Mamta Sharma#~2#~, Neha M. Khatarawalla#~2#~, Tanya Singh#~2#~, Anand Tiwari#~2#~, Faezeh Jalali#~2#~, Meghana Jhalani#~2#~, Rupali Mehra#~2#~, Anju Singh#~2#~, Saurabh Agarwal#~2#~, Mark Boucher#~2#~, Andre Nel#~2#~, Yuvraj Singh#~2#~, Sachin Tendulkar#~2#~
O-Titel: Slumdog Millionaire
Drama, Komödie
Großbritannien, USA 2008
Ur-Aufführung D: 19.03.2009
DVD-Premiere D: 08.10.2009
Länge: 120 min
FSK: ab 12
Regie: Danny Boyle, Loveleen Tandan
Darsteller: Dev Patel, Anil Kapoor, Freida Pinto, Madhur Mittal, Mia Drake Inderbitzin, Imran Hasnee
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