| Fast genau 30 Jahre liegt es zurück, ein düsteres Ereignis amerikanischer Politik- und Bürgerrechtsbewegung, das trotz seiner großen Bedeutung weitläufig unbekannt ist. Die Rede ist von Harvey Milk, dem ersten sich offen zur Homosexualität bekennenden Stadtrat der USA, der 1978 einem Attentat zum Opfer fiel. Im Stile einer dokumentarisch anmutenden Biografie zeichnet Regisseur Gus Van Sant die prägnanten Jahre des politischen Erwachens Harvey Milks über den Einzug in die städtische Regierung San Franziscos bishin zu seinem Ende nach und liefert damit ein universell brisantes Zeitdokument ab. Anfang der 70er Jahre gilt die Stadt an der kalifornischen Küste als das Mekka für die Hippie-Bewegung. Hier lebt es sich weit offener und vorurteilsfreier als in anderen Regionen des vielerorts sehr prüden Amerikas. Auch Harvey Milk (Sean Penn) und seinen Lebensgefährten Scott (James Franco) zieht es an diesen Ort, an dem sie glauben, ihre gemeinsame Beziehung offener leben zu können. Sie eröffnen ein Fotogeschäft in der Castro Street, die mehr und mehr zum Zentrum einer schwul-lesbischen Bewegung wird. Doch nicht nur einige Anwohner oder Geschäftsbetreiber wird es allmählich zu schrill, auch die Behörden gehen zunehmend beherzter zur Sache, wenn es darum geht, eine derartige Abnormität zu bekämpfen, die die Gesellschaft in zunehmenden Maße befällt. Die Übergriffe der Polizei nehmen, auch gestützt durch politische Weisungen, zu, und die Diskriminierung wird folglich immer gegenwärtiger. Hieraus nun erwacht Harveys politisches Bewusstsein. Er, der er ohnehin ein sehr temperamentvoller Verfechter von schwul-lebischen Rechten ist, sieht in Aktionen, die rein demonstrativen Charakter haben, nur wenig Aussicht auf Veränderungen und beschließt daher aktiv in die Politik zu gehen, um den Hebel dort anzusetzen, wo sich wirklich etwas bewegen lässt. Ein Wahlerfolg für den Posten eines Stadtrates stellt sich zunächst jedoch nicht ein. Zweimal tritt Harvey an und unterliegt immer sehr knapp. In diesen Jahren jedoch gewinnt er eine große Zahl an Anhängern, auch aus anderen Lagern, etwa den Latinos, Schwarzen und den Gewerkschaftern. Andererseits fordert sein unermüdlicher Kampf private Opfer, beispielsweise die Trennung von seinem Lebenspartner, der sich zunehmend im Abseits sieht. Doch auch dies bewegt Harvey Milk nicht zum Aufgeben und er wagt 1977 einen dritten Anlauf, der dann letztlich den Durchbruch und ihm geradewegs einen Platz im Rathaus einbringt. Hier nun soll sich seine Biografie aber dem Ende zuneigen, denn nur wenige Monate nach seinem Amtseintritt, in denen er sich überdies als sehr versiert auf dem politischen Parkett erweist, wird er auf schändliche Weise, primär vor dem Hintergrund seiner offen gelebten Homosexualität, aus dem Leben gerissen... Wie einige Kinostarts in diesen Wochen geht „Milk“aussichtsreich ins Oscar Rennen. Mit ganzen acht Nominierungen, unter anderem für den besten Film, das beste Drehbuch und für die beste darstellerische Leistung in der männlichen Hauptrolle sind die Vorschusslorbeeren schon enorm - und gewiss auch größtenteils berechtigt. Als Zeitdokument, das die damaligen Ereignisse in einem Mix aus Originalaufnahmen und gespielten Interpretationen einfängt, vermittelt der Film ein sehr einprägsames Gefühl für diese Zeit und den politisch-gesellschaftlichen Rahmen. Dass diese Ereignisse auch aus heutiger Zeit von Relevanz sind, daran besteht kein Zweifel. In dieser Hinsicht hat Regisseur Gus Van Sant bei der Themenwahl und der technischen Umsetzung alles richtig gemacht. Erzählerisch sieht dies jedoch etwas anders aus. Van Sant geht von der Bekanntheit der Ereignisse aus, verzichtet daher auf dramaturgische Effekte und Spannungsbögen, was in Bezug auf die Authentizität durchaus angemessen erscheint, sich für die Zuschauer jedoch oftmals als sehr langatmig heraus stellen kann. Direkt zu Beginn konfrontiert mit dem Ergebnis geht es in chronologischer Erzählform bis zu diesem Attentat, ohne dass sich wirkliche Höhepunkte entwickeln, da diese, wenn vorhanden, emotional distanziert erscheinen. Diese Distanz mag in gewisser Weise an der Dar- bzw. Nachstellung der homosexuellen Hauptcharaktere selber liegen, da diese fast ausnahmslos einem Klischee von tuntigem Gehabe entsprechen. In einer reinen Dokumentation würde man dies vielleicht eher akzeptieren, so aber wirkt die Darstellung von Homosexuellen, zumindest aus heutiger Sicht, nicht zeitgemäß. So ist „Milk“ gewiss ein guter und wichtiger Film, der aber kaum zum Abtragen von Vorurteilen beitragen wird. |













