Gerade noch lief Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“ in den Kinos, schon kommt sein nächster Film auf die Leinwände. Mit über 70 Jahren hat Eastwood den Zenit seines Schaffens erklommen und ist noch längst nicht am Ende. Er dreht bereits seinen nächsten Film über Südafrika nach dem Ende der Apartheid.

„Gran Torino“ ist ein klassischer Eastwood-Film. Gradlinig erzählt, schnörkellos gedreht, ohne technische Tricks und Tändeleien. So waren schon sein „Million Dollar Baby“ (2004), gekrönt mit dem Oscar, so waren auch „Mystic River“ (2003) oder „Blood Work“ (2002). Eine klare Handschrift, von einem, der weiß, was er will und sich und ganz auf das Können seines eingespielten Teams (Tom Stern: Kamera, Joel Cox: Schnitt, James J. Murakami: Produktdesign, Deborah Hopper: Kostüm und Sohn Kyle: Musik) verlässt.

Ähnlich wie schon beim „Million Dollar Baby“ vertraut Eastwood auch bei „Gran Torino“ auf das Drehbuch eines Newcomers. Damals war es Paul Haggis, der mit „L.A. Crash“ 2006 selbst einen Oscar gewann, jetzt sind es Nick Schenk (Drehbuch) und Dave Johannson (Story). Eastwood beweist auch hier wieder einmal ein Händchen für Stoffe, die – zumindest unter seiner Regie und mit ihm in der Hauptrolle – zu Erfolgen neigen. In den USA spielte „Gran Torino“ am Eröffnungswochenende bereits 30 Millionen Dollar ein.

Der Walt Kowalski aus „Gran Torino“ sei seine letzte Rolle, verkündete Eastwood. Ähnliches hatte er schon beim „Million Dollar Baby“ gesagt und so kann die Hoffnung geschürt bleiben, dass ihn auch in Zukunft umwerfende Newcomer-Drehbücher vom Gegenteil überzeugen.

Walt Kowalski ist fast eine Wiedergeburt von Eastwoods „Dirty Harry“ (1-5, 1971, 1973, 1976, 1983, 1988). Ein geborener Einzelgänger, ein Mann mit eisernen Prinzipien. Einer, der für Recht und Ordnung, für Anstand und Treue steht. Knurrig und knarzig. Ein Mann, der wenigen dafür prägnanten und selten politisch korrekten Worte. Die Sprache, gemeint ist die rassistische, wird permanent ironisch gebrochen. Hinter jedem fiesen Spruch hört man quasi schon das intuitive Kichern. Walts raue Schale versteckt letztlich doch nur einen sympathischen Menschen. Seine Bärbeißigkeit, man ahnt es längst, ist nur Schutz vor allzu großen Gefühlen. Das Spiel mit Worten, mit rasanten Schlagabtäuschen, wie Walt sie mit seinem irischen Friseur oder dem Pater durchexerziert, gehören genauso wie die sprühende Eigenironisierung der Asiatin zu den befreiendsten Momenten dieses Films.

Walt hat in Korea gekämpft. Er stand über 50 Jahre am Fließband bei Ford. Gerade ist seine Frau gestorben. Sein letzter Halt. Nun bleibt ihm nur noch sein Hund Daisy und sein alter Ford Gran Torino, dem er Anfang der 70er Jahre noch selbst die Lenkradsäule einbaute. Gefahren wird das gute Stück eigentlich nie, es wird nur bewundert. Ein Relikt der guten alten Zeit, als die Förderbänder noch wie geschmiert liefen.

Ganz en passant erzählt Eastwood so auch von den gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit. Vom Niedergang großer Industrien. Ursprünglich hatten die Autoren ihre Geschichte in Minneapolis lokalisiert. Doch Eastwood überzeugte sie, das Setting in die „Motor City“ nach Detroit zu verlegen. In das Zentrum der US-Automobilindustrie. Dort, wo Henry Ford vor 60 Jahren mit seinen Ford-Werken anfing und bald schon General Motors und Chrysler nachzogen. Berühmt wurden sie als die „Big Three“. Ihr Stern verblasste mit dem Einzug japanischer Kleinwagen. Dann kamen Rassenunruhen, die Ölkrise in den 70ern. Ein kurzes Aufblühen in den 90ern mit hippen Pickups und Geländewagen. Langsam sanken die Autosterne, bis sie mit der aktuellen Wirtschaftskrise vollends in den Abgrund stürzten und gleichzeitig „Motor City“ mitrissen. Die Stadt verkam zusehends.

Die, die es sich leisten konnten, zogen weg. Die, die kein Geld hatten, suchten hier ihr Bleiben. Das städtische Bild veränderte sich. Immigranten von überallher zogen in die heruntergekommenen Viertel. Nur Walt, der Nachfahre polnischer Einwanderer, ist das letzte Überbleibsel aus alten Tagen. Sein Haus ist proper. Der Rasen vor seinem Anwesen frisch gestutzt, der Gran Torino in der Garage glänzt wie neu.

Walts Söhne und ihre Familien sind zum Begräbnis der Mutter gekommen. Die Enkeltochter eckt umgehend mit ihrem Outfit und Piercing beim Opa an. Der pausbäckige, jugendliche Pfarrer steht auf der Matte und will ihn bekehren und als ihm die Familie noch Prospekte von netten Seniorenheimen unter die Nase schiebt, reicht es ihm vollends. Da schaukelt er lieber mit einem Bier in der Hand und Hund Daisy zu seinen Füßen auf der Veranda.

Wäre nicht diese asiatische Großfamilie im verlotterten Nachbarhaus eingezogen. Mit einer Oma, die mindestens so schlechtgelaunt wie Walt von der Veranda ihres Heimes auf ihn starrt. Ein amüsantes Setting. Eastwood als der kauzige, komische Alte macht seine Sache fantastisch. Abstriche gibt es nur bei seiner deutschen Synchronstimme. Aber allzu viele Worte äußert Walt eh nicht. Seine Mimik spricht bereits Bände.

Die neuen Nachbarn zwingen Walt aus seinem heimelig vertrauten Dasein in die reale Welt des Heute. Das Heute besteht nicht mehr aus eindimensionalen Weltanschauungen. Neben weiß und schwarz gibt es Farben und Schattierungen. Neben Koreanern, die Walt aus dem Krieg kennt und hasst, gibt es auch seine Nachbarn, die zwar wie Koreaner aussehen, aber keine Koreaner sind. Sie gehören zu einem Volk, von dem Walt noch nie gehört hat: Den Hmong. Hmongs leben in Laos, Vietnam und China. Und weil sie während des Vietnamkriegs zu den USA hielten, leben viele von ihnen heute noch in Amerika.

Doch wie alle Einwanderer sind auch die Hmongs Entwurzelte. Die jungen Männer suchen mit aller Gewalt Anerkennung und Respekt. Wer nicht mithalten kann, wird gnadenlos schikaniert. Walt wird unweigerlich in das Dilemma der beiden Kids von nebenan, Thao (Bee Vang) und Sue (Ahney Her) hineingezogen. (Beide Debütanten mit einer beeindruckenden Leistung) Denn die gewalttätigen Rituale spielen sich vor seiner eigenen Haustüre ab.

Eastwood demontiert cool ironisch sein Alter Ego der Vergangenheit, lässig in ein logisches Handlungs- und psychisches Entwicklungskonzept eingespannt. Das glorreich überhöhte Ende von Walt Kowalski setzt einen entschiedenen Kontrapunkt. Es beendet die zynische Witzigkeit und konsequent den Gang der Geschichte. Denn, so Eastwood: „Wenn man so etwas nur halbherzig macht, dann wird das ein Sanierungsprogramm à la Hollywood.“ Da lassen wir uns doch lieber von Eastwood retten.

In aller Kürze: Inhalt und Filmkritik
Ausführliche Inhaltsangabe zu „Gran Torino“
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http://www.GranTorino-derFilm.de (Offizielle Webpage, Deutschland)
http://www.thegrantorino.com/ (Warner Bros., USA)
http://wwws.warnerbros.fr/grantorino/ (Warner Bros., Frankreich)
http://wwws.warnerbros.co.jp/grantorino/ (Offizielle Webpage, Japan)
„Gran Torino“ in der IMDb (USA, D)


 
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Action, Drama
USA, Deutschland, Australien 2008
Ur-Aufführung D: 05.03.2009
DVD-Premiere D: 10.07.2009
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Länge: 116 min
FSK: ab 12
Regie: Clint Eastwood
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Darsteller: Clint Eastwood#~2#~, Ahney Her#~2#~, Bee Vang#~2#~, Christopher Carley#~2#~, Brian Haley#~2#~, Geraldine Hughes#~2#~, Dreama Walker#~2#~, Doua Moua#~2#~, Sarah Neubauer#~2#~, Brian Howe#~2#~, John Carroll Lynch#~2#~, William Hill#~2#~, Cory Hardrict#~2#~, Nana Gbewonyo#~2#~, Brooke Chia Thao#~2#~, Chee Thao#~2#~, Choua Kue#~2#~, Scott Eastwood#~2#~, Xia Soua Chang#~2#~, Sonny Vue#~2#~, Greg Trzaskoma#~2#~, Greg Trzaskoma#~2#~, John Anton#~2#~, John Johns#~2#~, Davis Gloff#~2#~, Thomas D. Mahard#~2#~, Arthur Cartwright#~2#~, Austin Douglas Smith#~2#~, John Johns#~2#~, Conor Liam Callaghan#~2#~, Michael E. Kurowski#~2#~, Anthony Moscato#~2#~, Julia Ho#~2#~, Maykao K. Lytongpao#~2#~, Carlos Guadarrama#~2#~, Andrew Tamez-Hull#~2#~, Ramon Camacho#~2#~, Antonio Mireles#~2#~, Ia Vue Yang#~2#~, Zoua Kue#~2#~, Elvis Thao#~2#~, Jerry Lee#~2#~, Lee Mong Vang#~2#~, Tru Hang#~2#~, Alice Lor#~2#~, Tong Pao Kue#~2#~, Douacha Ly#~2#~, Parng D. Yarng#~2#~, Nelly Yang Sao Yia#~2#~, Marty Bufalini#~2#~, My-Ishia Cason-Brown#~2#~, Clint Ward#~2#~, Stephen Kue#~2#~, Rochelle Winter#~2#~, Rochelle Winter#~2#~, Claudia Rodgers#~2#~, Vincent Bonasso#~2#~, William C. Fox#~2#~, Rio Scafone#~2#~, Tony Stef'Ano#~2#~, Julie Krystina#~2#~
Action, Drama
USA, Deutschland, Australien 2008
Ur-Aufführung D: 05.03.2009
DVD-Premiere D: 10.07.2009
Länge: 116 min
FSK: ab 12
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Clint Eastwood, Ahney Her, Bee Vang, Christopher Carley, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Doua Moua, Sarah Neubauer, Brian Howe, John Carroll Lynch, William Hill, Cory Hardrict
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