Da wollte der Produzent Bernd Eichinger nur kurz ein Bier im Berliner Szene-Restaurant „Borchardt“ trinken und fand sich überraschend mitten auf Sabine Christiansens (die Ex-ARD-Tagesthemen-Frau) Party wieder, auf der sich zufällig auch Stefan Aust, Autor des Buchs „Der Baader Meinhof Komplex“, verlustierte. Die Herren quatschten über dies und das und wohl auch über Austs Idee, mit der er seit geraumer Zeit schwanger ging: Aus dem BM-Komplex einen Dokumentarfilm zu machen. Eichinger hakte sofort nach, ob das Ganze nicht auch Spielfilmpotential hätte. Tatsächlich, so Aust, habe er schon seit 20 Jahren gewartet, dass Eichinger ihn genau das frage. So schreibt es der Online-Branchendienst „Quotenmeter.de“.

Ob nette Anekdote oder wahre Begebenheit, der Spielfilm zum Buch wurde wortgetreu mit bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzten Schauspielern gedreht. Herausgekommen ist das, was man bei den Kalibern erwarten konnte: ein spannendes Hochglanz-Action-Movie.

Uli Edel („Letzte Ausfahrt Brooklyn“, 1989; „Der kleine Vampir“, 2000) übernahm die Regie. Das Drehbuch zum Buch übernahm Eichinger gleich selbst. Aber, wie betont wird, orientiert es sich fast ausschließlich am Buch, was sich wiederum, zumindest in den Gerichtsszenen, an den originalen Aussagen der Anwesenden orientiert. In 150 Filmminuten wird also ein politisch brisantes Jahrzehnt Deutschland (1967 - 1977) wiedergegeben. Ob das gelingen kann? Es gelingt, doch zu einem hohen Preis: Deutscher Terrorismus im Schnelldurchlauf.

Die „Events“, angefangen vom Besuch des persischen Schahs in Berlin, bis zur Ermordung Schleyers, jagen auf der Leinwand vorbei. Je nach Generation erinnert man sich an dieses oder jenes Ereignis, sinniert, wo man gerade war, was man gemacht und gedacht hat. Und wie hat es sich angefühlt.

Die Geschichte der ersten RAF-Generation um Andreas Baader und Ulrike Meinhof räumt Edel den meisten Platz ein. Mit der Intellektuellen, der Journalistin Ulrike Meinhof, die Martina Gedeck („Sommer 04“, 2006) bravourös verkörpert, führt der Regisseur in die Zeit ein, macht verständlich, wie und warum die RAF entstand, erklärt auch ihre Faszination.

Doch schon die nächste Generation ist nur noch als Haufen Mensch erkennbar. Neue Gesichter schwirren über die Leinwand, das who-is-who der deutschen Darstellerriege verbiegt sich für einige Filmsekunden, neue Parolen ertönen. Zunehmende Radikalität. Die politischen Beweggründe verschwimmen in steigender Militanz, im Anschlags-, im Feuer- und Entführungshagel. Zeit für einzelne Figuren bleibt keine. Höchstens das Gefühl von hippen Spontis, die die Revoluzzer gegen prügelnde Polizisten und dem „faschistoiden Staat“ geben.

Der Grund kann in den wenigen gesicherten Erkenntnissen dieser Generation liegen. Noch heute können Spuren nicht eindeutig zugeordnet werden. Noch heute sind viele Attentate nicht 100%ig aufgeklärt. Da begibt man sich in einem politisch durch und durch korrekten Film nicht gern auf die Schlingerbahn.

Der „Baader Meinhof Komplex“ hält sich als Film heraus. Keine Stellungnahme für oder gegen den Komplex, für oder gegen den Staat. Zweieinhalb Geschichtsstunden light. Faktenwissen. Doch mit zunehmenden Interviews und Berichterstattungen, die der Film natürlich mit sich bringt, weiß man dann doch mehr. Zum Beispiel, dass die Neutralität des Films nicht ganz so neutral ist, wie man eigentlich denkt. Tatsächlich wird hier auch retuschiert.

Da erklärt zum Beispiel Moritz Bleibtreu („Chiko“, 2007) bei „Anne Will“, dass er als Andreas Baader nicht lispelt, wie es der wirkliche Andreas Baader getan hat. Zusammen habe man überlegt, dass das Lispeln diese Figur zur Witzfigur gemacht hätte. Auch soll Baader kaum Herr seiner Eifersucht gewesen sein. Im Film dagegen lässt er seine Geliebte Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek, „Barfuss“, 2005) mit einem coolen Spruch mit Peter-Jürgen Boock (Vinzenz Kiefer, „Free Rainer“, 2007) in der Wanne plantschen.

Aber auch die andere Seite wird aufgehübscht. Zum Beispiel BKA-Chef Horst Herold, gespielt von Bruno Ganz („Der Untergang“, 2004). „Kein Wort von seinem Größenwahn, seiner schlimmen Terminologie von der 'gesellschaftssanitären Aufgabe' der Polizei, stattdessen darf er einen hochvernünftigen Satz nach dem anderen sagen“, so die Süddeutsche Zeitung.

Trotz aller Kritik gibt der „Baader Meinhof Komplex“ einen Rundumblick über eine wichtige Phase der deutschen Nachkriegszeit. Ein Rundumblick, der sich zwangsläufig entscheiden muss. Die Macher entschieden sich für die knalligen Schauwerte - aber das auf hohem Niveau.


 
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Drama
Deutschland, Frankreich, Tschechische Republik 2008
Ur-Aufführung D: 25.09.2008
DVD-Premiere D: 05.03.2009
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Länge: 150 min
FSK: ab 12
Regie: Uli Edel
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Darsteller: Moritz Bleibtreu#~2#~, Martina Gedeck#~2#~, Johanna Wokalek#~2#~, Nadja Uhl#~2#~, Jan Josef Liefers#~2#~, Stipe Erceg#~2#~, Bruno Ganz#~2#~, Alexandra Maria Lara#~2#~, Hannah Herzsprung#~2#~, Niels-Bruno Schmidt#~2#~, Michael Gwisdek#~2#~, Jasmin Tabatabai#~2#~, Vinzenz Kiefer#~2#~, Heino Ferch#~2#~, Simon Licht#~2#~, Tom Schilling#~2#~, Daniel Lommatzsch#~2#~, Sebastian Blomberg#~2#~, Katharina Wackernagel#~2#~, Anna Thalbach#~2#~, Volker Bruch#~2#~, Eckhard Dilssner#~2#~, Hans Werner Meyer#~2#~, Thomas Thieme#~2#~, Susanne Bormann#~2#~, Hubert Mulzer#~2#~, Gerald Alexander Held#~2#~, Bernd Stegemann#~2#~, Annika Kuhl#~2#~, Patrick von Blume#~2#~, Sandra Borgmann#~2#~, Michael Schenk#~2#~, Hannes Wegener#~2#~, Johannes Suhm#~2#~, Christian Schmidt#~2#~, Stephan Möller-Titel#~2#~, Andreas Tobias#~2#~, Jona Mues#~2#~, Elisabeth Schwarz#~2#~, Britta Hammelstein#~2#~, Christian Blümel#~2#~, Peter Schneider#~2#~, Jakob Diehl#~2#~, Wolfgang Pregler#~2#~, Leopold Hornung#~2#~, Christian Näthe#~2#~, Hassam Ghancy#~2#~, Martin Glade#~2#~, Carlo Ljubek#~2#~, Andreas Schröders#~2#~, Nina Eichinger#~2#~, Sunnyi Melles#~2#~, Michaela Anderle#~2#~, Joachim Paul Assböck#~2#~, Mathias Backhaus#~2#~, Kirsten Block#~2#~, Marcus Bode#~2#~, Julian Böhme#~2#~, Andreas Borcherding#~2#~, Leonie Brandis#~2#~, Willy Brandt#~2#~, Ben Braun#~2#~, Jo Brauner#~2#~, Hans-Jürgen Brendel#~2#~, Ramzi Chaabane#~2#~, Sara Ciabattini#~2#~, René Compagnini#~2#~, Empress Farah#~2#~, Frank Engster#~2#~, Hannelore Epple#~2#~, Marco Fischer#~2#~, Samir Fuchs#~2#~, Philipp Fündling#~2#~, Uwe Grimm#~2#~, Andreas Haslinger#~2#~, Jan Haufe#~2#~, Alexandru Herca#~2#~, Tabea Hertzog#~2#~, Jana Honczek#~2#~, Norbert Hülm#~2#~, Ramona Jankowski#~2#~, Adam Jaskolka#~2#~, Andreas Kattner#~2#~, Torben Kessler#~2#~, Kurt-Georg Kiesinger#~2#~, Dorothea Klinger#~2#~, Susann Klöden#~2#~, Karl-Heinz Köpcke#~2#~, Ralph Kretschmar#~2#~, Stanislaus Kroppach#~2#~, Jonas Laleman#~2#~, Rene Lay#~2#~, Robert Lehmann#~2#~, Cedric Lingfeld#~2#~, Adam-Victor Linkowski#~2#~, Smaïl Mekki#~2#~, Ilker Meric#~2#~, Monika Mondberger-Zimmerling#~2#~, Alexander Müller#~2#~, Sieglinde Oppert#~2#~, Shah Mohammed Reza Pahlavi#~2#~, Leon Palamarciuc#~2#~, Eva Nadja Polanski#~2#~, Jörg Purschke#~2#~, Johannes Reichardt#~2#~, Alexandra Rothert#~2#~, Nico Rüder#~2#~, Sebastian Rüger#~2#~, Toshko Savov#~2#~, Dietmar Schäffner#~2#~, Helmut Schmidt#~2#~, Ralph Schriever#~2#~, Kerstin Schröder#~2#~, Lara Schroder#~2#~, Andreas Schumacher#~2#~, Michael Schweitzer#~2#~, Paul Schwesig#~2#~, Esther Seibt#~2#~, Hans-Dieter Stallmann#~2#~, Pedro Stirner#~2#~, Jutta Torkler-Schulz#~2#~, Martin Toth#~2#~, Karol Unterharnscheidt#~2#~, Martin Walch#~2#~, Nicolas Walier#~2#~, Oliver Walser#~2#~, Dennis Warther#~2#~, Vanessa Wieduwilt#~2#~, Chris Wilpert#~2#~, Marco Winzer#~2#~, Viktoria Zavgorodnyaya#~2#~, Alan Zielonko#~2#~, Mario Zuber#~2#~, Susanne Zygmunt#~2#~, Joel Cross#~2#~, Kim Frank#~2#~, Marc Hellige#~2#~, Christian Hoening#~2#~, Paul Schlase#~2#~, Julita Witt#~2#~